Auf 88 Tasten durchs geteilte Deutschland
Foto: Steffen Schleiermacher © Konrad Stöhr
, 19:30 Uhr
Gesellschaftshaus Magdeburg Schoenebecker Str. 129, MagdeburgProgramm
- Georg Katzer : Fünf Miniaturen (1971)
- Wolfgang Rihm : Klavierstück Nr. 1 (1970)
- Friedrich Goldmann : Vier Klavierstücke (1978)
- Karlheinz Stockhausen : Klavierstück V (1954)
- Helmut Lachenmann : Guero (1970)
- Siegfried Thiele : Abendphantasie (1989)
- Friedrich Schenker : Drei Klavierstücke (1975)
- Paul Dessau : Fantasietta II (1978)
- Steffen Schleiermacher : Klavierstück 1990
Die DDR existierte von 1949-1989. Der Staat ist verschwunden. Schon ab 1990 stellte sich jedoch vielfach die Frage: Was bleibt? Die Antworten darauf fielen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich aus: Der eine bedauerte das Verschwinden, die andere begrüsste es… Sowohl, was soziale, gesellschaftliche oder auch künstlerische Positionen betrifft. Gab es eine spezifische „DDR-Musik"? Es gab durchaus – besonders in den 50er und 60er Jahren – den Versuch, eine künstlerisch-ästhetische Staatsdoktrin zu errichten: den Sozialistischen Realismus. Die Kennzeichen dieses „Realismus" waren – besonders was die Musik betrifft – äußerst vage. Und kein ernstzunehmender Komponist (es waren tatsächlich fast ausschließlich Männer) richtete sein Schaffen an diesem ominösen Maßstab aus. Und es gibt keinen Komponisten, dessen Lebens- oder wenigsten Schaffensjahre genau diesen Zeitraum abdeckt. Viele Komponisten der älteren Generation, die in den 50/60er Jahren in der DDR lebten, waren um die Jahrhundertwende geboren und hatten ihre ersten Erfolge schon vor 1933. Die Nazi-Zeit verbrachten sie entweder im Exil oder in Deutschland als glühende Nazis oder in innerer Emigration. Und die später geborenen haben – bis auf wenige Ausnahmen – die DDR überlebt. Die DDR – und mit ihr die von auf ihrem Territorium lebenden und arbeiteten Komponisten – existierte nicht außerhalb von Raum und Zeit und keineswegs so hermetisch abgeschlossen, wie damals (und heute) vielfach suggeriert und geglaubt wurde. In Ost- und Westdeutschland gab es ein vielfach untergliedertes Komponieren, ganz abgesehen von wenigen „Schulen" blieben (und bleiben) die Komponisten eher Einzelkämpfer. Es gab allerdings offensichtlich und auch hörbar überstaatliche Tendenzen (oder auch Moden) und so manche Entwicklungen der Tonsprache waren in West und Ost auffallend ähnlich. Hören Sie! Bei allen Komponisten des Programms war das Klavier eine Art Versuchslabor. Als regelrechte „Klavierkomponisten" werden sie sich selbst kaum gesehen haben. Klavierstücke dienten zum Ausprobieren von Ideen, zur Selbstvergewisserung. Vielen Stücken eignet fast etwas Skizzenhaftes an. Außer Paul Dessau habe ich alle Komponisten des Programms persönlich kennengelernt, zum Teil diese Stücke mit ihnen auch gearbeitet oder sie sogar uraufgeführt. Steffen Schleiermacher
In Zusammenarbeit mit dem Gesellschaftshaus Magdeburg
Beteiligte
- Steffen Schleiermacher Klavier, Moderation
Foto: Steffen Schleiermacher © Konrad Stöhr
Steffen Schleiermacher, geboren 1960 in Halle, ist Pianist, Dirigent und Komponist mit Spezialisierung auf Musik des 20./21. Jahrhunderts. Er studierte in Leipzig und Köln, war Meisterschüler bei Friedrich Goldmann und leitet seit 1988 die Konzertreihe „musica nova“ am Gewandhaus Leipzig. Mit dem Ensemble Avantgarde unternimmt er Konzert- und Vortragsreisen weltweit; ca. 80 CD-Aufnahmen, darunter das gesamte Klavierwerk John Cages. Ausgezeichnet u. a. mit dem Hanns-Eisler-Preis, 6× Echo-Klassik und dem Chevalier des arts et lettres.